Breaking news aus Dengland

 

 

Nach der Rechtschreibreform in deutschen Landen kommt nun das dringend nötige update für Deutsch als Fremdsprache:

 

Aktuell heißt up to date.

 „Auf dieser Ebene“ gibt es nicht mehr. Heute sagt man „auf diesem level.

Allerheiligen ist seit einigen Jahren schon Halloween.

 

Wenn man in einer Großstadt ankommt, steigt man am besten in einem Hotel der Stadtmitte ab – pardon: im Center oder in der City. Wenn man mit dem Zug fährt, kann man sich vor der Fahrt in der DB-lounge kurz mal ausruhen. Und bei der DB bekommt man Gott sei gelobt wieder zu alten Preisen eine Bahncard.

Die Empfangshalle im Hotel nennt sich lobby, und in der Bar kann man sich getrost zum smalltalk treffen. Das alkoholische Getränk ist dann ein Drink, ein alkoholfreies hingegen ein soft drink. Beides gibt’s natürlich auch in der Kneipe nebenan, aber da heißt der Barmann barkeeper, und auch der service ist ganz anders. Anschließend geht man ins Restaurant zum dinner.

Ein Ausflug in der Umgebung kann man beim Portier des Hotels als tour buchen.

 

Ein Motto ist ein slogan.

Eine Videokamera ist nun ein camcorder, den man an den computer anschließen kann, wenn man die entsprechende software hat – von der hardware ganz zu schweigen.

Einer, der behindert ist, ist gehandicapt, bzw. gehandikapt.

Und wer früher eventuell mit dem Gedanken spielte, eine Verjüngungskur in der Schweiz zu machen, informiert sich fortan über anti-aging.

Ein Junggeselle oder Alleinlebender ist ein single, der natürlich keinen geschützten Geschlechtsverkehr hat, sondern safer sex.

Wer gay ist, ist eigentlich schlicht schwul und ist auf der Suche nach einem geeigneten lover.

Hallo heißt hi! Entschuldigung heißt sorry! und Hoppla! heißt oops!.

Und Lebensart, namentlich die deutsche, gibt es nur noch als Lifestyle.

 

Kaufleute sind nun traders. Ihre Leibwächter heißen bodyguards. Wenn sie arbeitssüchtig sind, dann nennt man sie workaholic; sie arbeiten nicht in der Internet-Wirtschaft, sondern in der E-economy. Wenn sie arbeitslos werden sollten, können sie sich bei den PSA (Personal-Service-Agenturen, den ehemaligen Arbeitsämtern) einen neuen job suchen. Wer dann einen Arbeitsplatz gefunden hat, hat also einen job, oder er jobbt nebenbei. Wenn er es leid ist, kann er zur Abwechslung auch joggen. Oder er wendet sich in Berlin an „Call a bike“ ; deren Kunden heißen meist biker. Falls er Rollschuhläufer ist, heißt er fortan skater.

 

Der (Telefon)Kundendienst heißt call center, ein Kundendienstzentrum ist also folgerichtig ein service-center, nicht zu verwechseln mit dem Eros-Center. Und wer es braucht, geht ins fitness-center.

Sogar das Finanzamt kennt das Ehegattensplitting.

 

Ein leitender Angestellter ist zum Manager befördert worden und muss viel good will zeigen; außerdem schließt er fortan kein Abkommen mehr, sondern lediglich ein deal – wohlgemerkt: ein dealer ist allerdings ein Drogenhändler. Vermarktung heißt nur noch: marketing. Der Stichtag ist zur deadline geworden, und ein Termin sollte ein date heißen - oder ist das schlicht ein Rendez-vous? Und ein Börsenkrach heißt Börsencrash, wobei der insider vielleicht rechtzeitig über sein Handy (!!) die Information checken kann. Man fragt sich jedoch, was genau in diesem Zusammenhang Stalking bedeuten kann.

 

Handlung heißt action (mit der entsprechenden Aussprache). Action findet man z.B. auf der Games Convention in Leipzig, wo Video-Gamer in Lounge-Atmosphäre Produktneuheiten austesten können.

In Frankfurt gibt es eine Skyline und in Hamburg ein Fantasy Filmfest, wo sich ein jeder thriller und science- fiction-Filme ansehen kann.

Hochhäuser heißen towers, genauso wie die Kontroll-Türme an Flughäfen, die übrigens neuerdings airports heißen (in den Flugzeugen selbst findet man natürlich statt der Besatzung eine crew, die eventuell einen nonstop-Flug hinter sich hat und über eine gangway die Maschine betritt und auch wieder verlässt. Die (Abfertigungs-)Hallen heißen terminals, wo die Passagiere einchecken, allerdings nur dann, wenn sie das passende ticket der entsprechenden airline haben...). Wenn ihnen dann beim Start unheimlich wird, dann haben sie „Schmetterlinge im Bauch“ – was man auch immer darunter verstehen mag.

 

Apropos tower: Sogar eine Sendung des HR heißt Main-Tower, eine andere desselben Senders nennt sich Late lounge (heute gibt es ab 00.45 Double Feature). Da gibt es auch eine so genannte Late Lounge Crew und selbstverständlich ein(e) newsletter. Ereignisse sind nun events, die eventuell live übertragen werden können. Manchmal sind es sogar mega-events. Und überhaupt: Fernsehen heißt TV. Im TV gibt es lauter talk-shows und auch late-night-shows, die eventuell einen special guest empfangen, der bei anhaltendem Beifall eine standing ovation genießt (noch heißt das Publikum nicht audience). Dabei gibt es um Gottes Willen keine Fernsehwerbung : die heißt folgerichtig Werbespot. Anschließend kommen nicht etwa Nachrichten, sondern news (im NDR gibt es auch shownews). Ganz spät kommt ein Krimi, wo es keine Polizisten und Mörder gibt, sondern, wie bei SAT1, cops, bzw. killer. Im SWR kann man sogar „aktuelle News, coole Tipps“ und auch eine „Wunschbox“ finden. Und bei einem anderen Sender sieht und hört man Detlev, aus der Sendung Popstars: der heißt einfach nur D. (Bitte Dee aussprechen). Und da singen die Bewerber (oder heißen die jetzt auch schon anders?) selbstredend keine Lieder, sondern songs. Die deutschen Bewerber beim European Song Contest 2006 heißen übrigens Texas Lightning und treten mit ihrem SongNo No Never“, von dem sie schon über 150 000 singles verkauft haben, in Athen an: „Das dokumentiert“, meint der NDR, „dass sie einen echten Chart-Stürmer zu bieten haben.“ Sie haben auch ein Album mit dem Titel „Meanwhile Back At The Ranch“ hinter sich.

 

Und die deutsche Telecom nennt sich T-com (bitte tea-com aussprechen). Die stellt fest, dass „E-Commerce boomt“, dass sie Schnurlostelefone „very günstig“ anbietet ; die kann man sogar online bestellen (das nennt man mobile business). Man kann bei ihr sogar sein domain-name reservieren.

 

Kinder sind nun meist kurz kids, Zwillinge sind twins, Halbwüchsige sind teenager. Pampelmuse heißt auch schon länger grapefruit. Schminke ist nur noch make-up, das eventuell trendy sein kann. Inzwischen ist so einiges in der BRD all-in-one geworden: die Reisen, der Rechner, das Shampoo. Teilnehmer von Foren (wie z.B. bei der „Frankfurter Rundschau online“) werden schlicht als user bezeichnet. Und unter den 22 Internet-Seiten, die 2006 bei dem Grimme Online Award nominiert wurden, „wo deutschsprachige Websites mit hoher Qualität ausgezeichnet werden“, befindet sich selbstredend eine WM-History, nämlich ein sportlicher Fußballrückblick der ARD.

 

Die Mannschaft wurde zum team, die Mannschaftsarbeit zur teamarbeit mit einem teamchef, der für teamgeist sorgt – noch redet keiner von teamspirit, was jedoch eigentlich nur konsequent wäre.

 

Bei den olympischen Spielen in Athen merkt man, dass „das Spiel nicht easy war, was man im Fernsehen (ob ARD oder ZDF) im slow-motion besonders gut realisieren konnte.

 

Und Bücher (in der Buchhandlung) heißen entweder paperbacks oder hardcovers, je nach Ausstattung oder besser layout, die sich eventuell zu Bestsellern mausern können, wenn sie das richtige cover haben, wobei es keine Bestenlisten mehr gibt, sondern nur noch charts. Ein Autor, der eine story erfunden hat, schafft fiction (wobei er ganz besonders auf das (oder etwa den?)  background achten muss); ansonsten schreibt er nicht mehr Sachbücher, sondern non-fiction, und bei seinen Recherchen besorgt er sich seine Informationen nicht etwa über Datenautobahnen, sondern nur über Datenhighways. Und wenn’s ihm dabei echt zu heiß wird, schaltet er einfach die air-condition ein.

 

Wer anständig ist, bleibt fair, wogegen derjenige, der beim Fußball einen Regelverstoß begeht, sich eines fouls schuldig macht. Wer glücklich ist, ist happy, manchmal sogar cool. Wer kräftig ist, hat power; eine starke Frau heißt also logisch eine Powerfrau.

 

Wer 1985 geboren ist, ist eigentlich in 1985 geboren, wenn nicht in 19-85. Und die berühmte Agenda heißt ja inzwischen auch 20-10. Und wir schreiben heute nicht etwa den 20. August oder den 20.8. sondern schlicht 8/20.

Dabei merkt man immer wieder, dass die USA die einzige Supermacht ist, die zudem mit ihren US-Soldaten in Irak Krieg geführt hat.

 

Bei solcher sprachlicher, bzw. kultureller, d.h. nationaler Selbstverleugnung bleibt einem, egal aus welchem Land man kommt, wortwörtlich die Spucke weg –  oder heißt die auch schon anders? Wenn man an den Wirbel denkt, der im deutschen Sommerloch 2004 die Gemüter ob der neuen oder alten Rechtschreibung bis ins Unermessliche erhitzt hat, bleibt man eigentlich sprachlos (ganz abgesehen davon, ob die Argumente, die in dieser Debatte seit Jahren auf den Plan gerufen werden, gut oder weniger gut sind): das Problem liegt weniger in der Groß- oder Kleinschreibung oder in den Regeln, die das Getrennt- oder Zusammenschreiben bestimmen. Uns geht es um die eigentliche Substanz der deutschen Sprache. Und die geht nach und nach, unbemerkt, verloren, zugunsten eines angloamerikanischen Kauderwelschs, das scheinbar denjenigen, die es benutzen, den Flair der großen weiten Welt verleiht, nach dem Motto : Je fremder – sprich angelsächsisch – angehaucht, desto vornehmer und in - sprich: nicht Deutsch.

 

Last but not least: um der durch PISA urplötzlich entdeckten deutschen Bildungsmisere zu begegnen, heißen Lehrer in Deutschland künftig "Masters of Education".

 

Manche jener masters of education, die sich im Ausland bemühen, die deutsche Sprache zu fördern und für sie zu werben, müssen sich dann überlegen, wie sie auf folgende, von ihren Schülern, bzw. Studenten immer häufiger gestellte Frage antworten können: Warum nicht gleich Englisch lernen? Warum sollte man sich jahrelang mit einer schwierigen Sprache und deren lästiger Grammatik und Syntax abgeben, wo die sich doch ständig selbst verleugnet? Lernten wir Englisch statt Denglisch, dann wären wir doch diese Probleme los und könnten uns genauso gut (wenn nicht besser!) mit unseren lieben Deutschen verständigen.

Tja, warum bloß?

 

Übrigens : nonsense heißt Blödsinn, bzw. Dummheit.

 

Jean-Claude Capèle

(lebt in Paris, wo er bei allen Schwierigkeiten weiterhin versucht, Deutsch zu unterrichten und zu übersetzen, d.h. : deutsche Kultur zu vermitteln)

 

P.S. : Was heißt eigentlich heute auf gut Denglisch : Pendlerpauschale, Praxisgebühr, Gammelfleisch, Vesper, Polterabend, gemütlich, Sehnsucht, Feierabend, nur Bahnhof verstehen, Hausmacherleberwurst - namentlich die pfälzische -, oder auch Zumutbarkeit? Hm?