Die Begegnung
Von Erika Tunner

Eine größere Hoffnung


"Georg, die Brücke steht nicht mehr!"
"Wir bauen sie neu!"
"Wie soll sie denn heißen?"
"Die größere Hoffnung, unsere Hoffnung!"
"Georg, Georg, ich sehe den Stern!"

Ilse Aischinger, Die größere Hoffnung


Für Myriam



Myriam Lévy war ein lebhaftes, auffallend schönes Mädchen von vierzehn Jahren. Sie lernte mit größter Leichtigkeit. In mehreren Fächern war sie Klassenerste, vor allem in den Fremdsprachen hatte sie stets die besten Zensuren. Von ihren Kameraden wurde sie teils bewundert, teils beneidet. Noch wußte sie nicht, was Haß ist.
Weder ihre Mutter, die aus Mitteleuropa stammte, noch ihr Vater, ein bekannter Chirurg, sprachen Deutsch. Auch mit mir unterhielt sich Myriam nur auf französisch, wobei sie stets sehr stolz war, wenn sie mir einen neuen Ausdruck beibringen konnte, der gerade in Mode gekommen war. Eines Tages jedoch überraschte sie mich damit, daß sie mir Goethes Lied "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen" so vollendet rezitierte, daß ich ihr fast ergriffen zuhörte. In ihrem Vortrag lag ein Ton von Leidenschaftlichkeit, Sehnsucht und Schwermut, den ich noch nie bei ihr gehört hatte. Dieses schmale, dunkelhaarige Kind mit den tiefliegenden Augen war mit einemmal nicht nur Myriam, sie war – ein Genius aus der Fremde.
Als sie geendet hatte, sah sie mich in ihrer unnachahmlichen Art an, halb schelmisch, halb ernsthaft, und fügte hinzu : "Dahin möcht ich mit dir, o meine Freundin, ziehn." "Bin ich denn deine Freundin? ", fragte ich. "Du bist meine Freundin, ganz gewiß", antwortete sie in ihrer entschiedenen Art, die jeden Zweifel ausschloß. "Und wo liegt das Land, in das wir gemeinsam ziehen sollen?", fragte ich weiter. Myriam lachte : "Es liegt in unserer Fantasie, das weißt Du doch."


Kurz darauf teilte mir Dr. Lévy mit, seine Tochter werde zwei Wochen bei einer österreichischen Familie verbringen, es sei ihr dringlicher Wunsch, dieses fremde Land kennenzulernen und ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Er sprach kühl und fast unbeteiligt, wie das immer bei ihm der Fall war, wenn er eine gewisse Erregung nicht aufkommen lassen wollte. Mir selbst war nicht eben behaglich zumute : Myriam war wissensdurstig und entdeckungssüchtig, aber Myriam trug ein Traumbild in sich, liebreicher als die Realität. Es ist zwar so schlimm nicht, wenn die Realität einem Traumbild nicht entspricht, nur zerstört werden sollte das Bild nicht. Am Anfang jeder großen Handlung steht ein Traum.
Myriams Vater war meine Nachdenklichkeit nicht entgangen. "Es ist keine jüdische Familie", sagte er. "Wir brauchen uns doch keine Sorgen zu machen, nicht wahr?" Was sollte ich ihm erwidern? Einmal hatte ich ihn zu einer Patientin sagen hören : "Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen." Sprach er diesen Satz wirklich nur dann aus, wenn er davon überzeugt war? Mein Schweigen dauerte schon viel zu lange. Ich machte eine Handbewegung, als hätte er eine rein rhetorische Frage gestellt, auf die einzugehen durchaus nicht nötig war. "Wann fährt Myriam?, erkundigte ich mich. Er nannte mir ein nicht sehr entferntes Datum. "Das trifft sich gut", log ich, "um diese Zeit muß ich ohnehin nach Österreich, ich habe dort einen Termin mit einem Verleger. Da werde ich mir Myriam für einen Tag ausleihen, wenn Sie damit einverstanden sind." Dr. Lévy nahm meine beiden Hände in die seinen : "Ich danke Ihnen sehr."
Myriam war geschäftig und aufgeregt. Ihre erste größere Reise allein! Und dann gleich ins Ausland!
"Bitte, wie spät ist es? Wo ist das nächste Postamt? Was kostet dieser Apfelstrudel?" Sie probierte eine Reihe von Sätzen bei mir aus.
"Du kommst mich besuchen!", rief sie freudig dazwischen.
"Vielleicht."
"Nicht vielleicht. Bestimmt. Papa hat es gesagt. Was kostet dieser Apfelstrudel?"


Als ich gegen Mittag bei Myriams Gastfamilie anrief, hob Frau Steinhals ab. Ob ich eine Verwandte Myriams sei? Nein? Eine Bekannte von ihren Eltern. Achso. Myriam sei auf ihrem Zimmer, ich solle mich später nochmals melden. Der Ton gefiel mir nicht.
"Ich möchte am Apparat bleiben", sagte ich.
"Rufen Sie später an. Myriam wird das Zimmer über Mittag nicht verlassen."
Es klickte. Frau Steinhals hatte aufgelegt.
Das hieß, meine Geduld über Gebühr in Anspruch zu nehmen. Mit einem Taxi befand ich mich in kurzer Zeit vor dem schmucken Einfamilienhaus der Frau Steinhals. Geputzte Fenster. Gemähter Rasen. Blumenbeete. Gartenzwerge. Biedere Leute?
Ich mußte zweimal läuten, bevor die Tür geöffnet wurde.
Frau Steinhals hatte glattes, gescheiteltes, gerade geschnittenes Haar. Ihre Augen saßen auf den vom Mund aufsteigenden Falten und blinzelten mich an :
"Wir sind beim Essen."
"Da kann ich Myriam also gleich begrüßen", sagte ich munter.
"Myriam bleibt über Mittag auf ihrem Zimmer."
Ohne dazu eingeladen worden zu sein, trat ich in die Wohnung.
"Wieso? Ist sie krank?"
"Nein. Sie trotzt. Sie ist eingebildet, verwöhnt, starrköpfig, geltungsbedürftig und vorlaut. Ein Nichtsnutz. Bei uns gibt es heute Schweinebraten. Myriam aber behauptet fest und steif : ich esse nichts vom Schwein. – Bei uns wird gegessen, was auf den Tisch kommt."
Frau Steinhals rang die Hände, als wäre ihr ein großes Unglück widerfahren.
Sprich kühl und unbeteiligt, sagte ich mir. Denke an Dr. Lévy.
"Ich warte hier, Frau Steinhals, bis Sie Myriam geholt haben. Es ist dringend."
"Myriam", rief Frau Steinhals lautstark. "Komm sofort herunter."
Nichts rührte sich.
Frau Steinhals sah mich herausfordernd an. Ich mußte doch wohl selbst merken, wie ungezogen dieser Fratz war.
Nein, ich merkte es nicht. Ich wartete. Schweigend.
"Komm sofort herunter. Du hast Besuch." Ungehalten hatte Frau Steinhals jedes Wort hervorgestoßen, ja geradezu herausgespien.
Da flog im ersten Stock eine Tür auf. Mit Windeseile hing Myriam an meinem Hals. "Beruhige Dich doch", sagte ich, ich bin gekommen, um Dich abzuholen. Du mußt ein wenig früher nach Hause zurückfahren."
"Du nimmst mich mit, ich wußte es. Mein Koffer ist schon gepackt."
Myriam war also noch schneller entschlossen gewesen als ich selbst.
Ich machte sie sanft von mir los. "Ich bin gleich fertig", flüsterte sie.
Da wir Französisch miteinander sprachen, war Frau Steinhals der Szene zwar verständnislos, aber mit sichtbarem Unwillen gefolgt.
"Sie sehen, es war dringend", sagte ich, kühl und unbeteiligt. "Aus zwingenden Gründen muß Myriam ihre Rückreise schon heute antreten."
"Aus was für zwingenden Gründen?"
"Aus z w i n g e n d e n Gründen, Frau Steinhals."


"Verabschiede Dich, Myriam." "Nein, niemals. Sie hat mich geschlagen." Sprach sie die Wahrheit? Meine Empörung war zu groß, um der Sache nachzugehen. Da ich aber nicht an mich halten konnte, sagte ich etwas vollkommen Ungeordnetes. Unmöglich, mir vorzustellen, wie ich auf die Straße kam : noch nie hatte ich ein Haus so schnell verlassen.
Atemlos war Myriam neben mir in ein Taxi gestiegen. Sie lachte das unbekümmerte Lachen eines Siegers.
"Das haben wir gut gemacht", sagte sie zufrieden.
"Was kostet dieser Apfelstrudel?, fragte ich Myriam. Sie verzog spöttisch den Mund. "Ich esse kein Schweinefleisch", antwortete sie. "Und Deutsch spreche ich auch nicht mehr. Wie geht es nun weiter?"
Ja, Myriam, wie geht es nun weiter. Wir fahren ins Hotel, ich nehme ein Zimmer für dich, rufe deine Eltern an, morgen früh fliegen wir zusammen nach Paris zurück, und dein Vater wird sagen, haben Sie da nicht etwas übereilt gehandelt, so schlimm kann es doch nicht gewesen sein. Myriam beobachtete mich von unten her.
"Mach Dir keine Sorgen", sagte sie.
"Zunächst werden wir ein riesiges Schinkenbrot essen", bemerkte ich mißvergnügt. Myriam ließ mich nicht aus den Augen :
"Also Du ißt den Schinken und ich nehme das Brot." Sie sprach zu mir mit jener unendlichen Nachsicht, die eine gütige Mutter für ihr leidendes Kind aufbringt.


"Dr. Lévy?"
Ich hatte die Nummer gewählt, die er mir vor Monaten gegeben hatte : Bitte nur im Notfall, dann aber auch wann immer, wo immer.
"Myriam fliegt morgen schon mit mir zurück. Ich hoffe, es ist Ihnen recht."
Einen Moment war Stille.
"Also doch", sagte er.
"Also doch."
"Wann kommt die Maschine an? Ich werde versuchen, Sie abzuholen. Aber sagen Sie Myriam nichts. Vielleicht kann ich nicht kommen, sie darf nicht enttäuscht sein."
Er meinte mehr damit.
"Sie wird nicht enttäuscht sein, Dr. Lévy. Vertrauen Sie mir?"
"Aber ja", rief er, "Ihnen vertraue ich, gänzlich."


Kurz darauf trat Myriam in mein Zimmer. Sie setzte sich mir gegenüber, ernst, fast ein wenig abweisend.
"Was ist ein Judenbalg?" fragte sie.
"Wo hast Du das Wort her?"
"Frau Steinhals hat es zu mir gesagt."
"Vergiß es."
"Ich muß erst wissen, was es heißt. Was ist ein Judenbalg?"
Ich schwieg. Myriam gab nicht auf :
"Übersetz mir das Wort."
"Nein, Myriam." Auch ich konnte unnachgiebig sein.
"Du kannst es nicht übersetzen."
"Du Naseweis. Ich will es nicht übersetzen."
"Also erklär es mir."
"Ein Balg ist ein unartiges Kind, Myriam."
"Aber ich bin kein Kind mehr."
"Eben, Du bist kein Kind mehr."
So, dachte ich erleichtert, nun haben wir das Problem verlagert.
"Warum hat sie 'Judenbalg' zu mir gesagt?
"Weil sie eine dumme Person ist."
"Ich bin viel klüger als sie", sagte Myriam selbstbewußt.
"Das stimmt, Myriam. Aber es ist nicht schwierig, viel klüger zu sein als Frau Steinhals. Nun sei bitte nicht hoffärtig."


Und dann kam sie, die gefürchtete Frage :
"Warum haßt sie mich? Warum? Warum?"
"Warum..."
"Du hast mir einmal ein Gedicht vorgesprochen, Myriam, das mit den Worten beginnt : 'Kennst du das Land... ' Du erinnerst Dich doch, nicht wahr?"
Myriam nickte heftig.
"Nun werde ich Dir ein Gedicht sagen, das auch von einem fremden Land handelt, einem Land, das nicht in unserer Phantasie liegt, sondern auf jeder Karte und – in Deinem Herzen :
'Woher hast du dein dunkles Haar genommen,
den süßen Namen mit dem Mandelton?
Nicht weil du jung bist, glänzt du so von Morgen,
dein Land ist Morgen, tausend Jahre schon. '
Willst Du mich dahin mitnehmen, Myriam?"
Wieder nickte sie heftig.
"Von wem ist das Gedicht?
"Von einer österreichischen Schriftstellerin, Ingeborg Bachmann."
"Und wie heißt es?
"Es heißt : Mirjam."
"Sag es mir noch einmal..."


Leute wie Frau Steinhals mögen dieses Land nicht, Myriam, und auch nicht die Menschen, die daher kommen. Das Land ist zu groß für sie und zu schön. Alles Große fürchten, ja hassen sie, weil sie selbst klein sind wie – Gartenzwerge. Nur bei den Gartenzwergen fühlen sie sich wohl, deshalb wollen wir sie dort lassen und niemals mehr wieder mit ihnen verkehren. Abgemacht?"
"Abgemacht."


"Können Zwerge wachsen?"
"Ja, leider."
"Werden sie dann gefährlich?"
"Sehr gefährlich. Man muß sich in acht nehmen vor ihnen. Meide sie."
Noch einmal bekam Myriam ihren fragenden Blick :
"Was ist 'Pack'?"
"Ein ganz unnützes Wort. Du brauchst es nicht."
"Übersetze.
"Nein."
"Bin ich ein 'Pack' für Dich?"
"Myriam, was bin ich für Dich?"
"Du bist meine Freundin."
"Nun also."
"Was ist 'Pack'? Was ist 'Judenpack'? Ist Papa ein 'Pack' für Dich?"
Ich senkte die Augen. Doch Myriam konnte man nichts vormachen.
"Warum bist Du traurig?", fragte sie.
"Willst Du eine Geschichte hören, Myriam?"
"Sprich." Myriams Stimme war dringlich. Ihr Blick war nicht mehr der einer Vierzehnjährigen. Wer von uns beiden war die Ältere? 'Wir Juden werden alt geboren', hatte Kafka gesagt.
"Sprich." Myriam nahm meine beiden Hände : es war die Geste ihres Vaters.
"Es war einmal..."
"Du erzählst mir ein Märchen?"
"Fast, Myriam, fast."

"Es war einmal, daß Dein Vater eine Frau operiert hatte, die wir Maya nennen wollen. Es handelte sich um eine jener Krankheiten, die gewisse Heilungsaussichten haben, wenn man sie früh genug erkennt. Aber was heißt schon 'früh genug'. Zu Maya hatte er nicht gesagt : 'Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen'. Eine Woche lang sah er täglich bei ihr vorbei, manchmal nur kurz, zwischen zwei Visiten, einmal länger, nach angestrengter Arbeit. Sie sprechen offen miteinander, beinahe rückhaltlos. Während man auf die Ergebnisse von medizinischen Analysen wartet, die das WIE, wenn nicht das OB des Weiterlebens bestimmen werden, bekommen die Worte eine anderes Gewicht. Noch keine Nachricht vom Labor? Noch keine. Sie werden mir helfen, Dr. Lévy, nicht wahr, wie auch immer. Sie vertrauen mir doch, Maya, oder? Gänzlich, Dr. Lévy.
Maya fühlte sich elend, überflüssig, über Bord geworfen, und in höchstem Maße unansehnlich. Ich werde mich jeden Tag von der Erde wegwünschen müssen. Mein Anblick ist unzumutbar. Quälen Sie sich doch nicht mit solchen Vorstellungen, Maya, ich bin ja Arzt. Aber doch nicht nur, brach es aus ihr heraus. Er hatte beschwichtigen wollen, bemerkte aber sofort das Mißgeschick. Als er ging, sagte er : Mit niemandem in der Klinik spreche ich so gern und so viel wie mit Ihnen.
Es war eine Weile still.
"Sie sind nicht kraftlos, Maya."
"Mag sein, Dr. Lévy. Aber wurzellos."
"Was macht es? Sie sind ein Federmensch."
"Und Sie?"
"Ich bin Israelit."


Dann kam der Tag, an dem Dr. Lévy in Mayas Zimmer stürzte, ohne anzuklopfen, wie es sonst seine Gewohnheit war. Maya fuhr zusammen.
"Wo ist der Champagner?" rief er.
Es war ein riesiger Freudenschrei.
"Maya, ich habe die Ergebnisse."
Er ergriff ihre Hände und zerrte sie hoch, so daß sie aufrecht im Bette zu sitzen kam, was ihr bisher noch nie geglückt war und was ihr nun spielend und schmerzfrei gelang.
"Geheilt, Maya, jubelte er, Sie sind geheilt, so hören Sie doch, so verstehen Sie mich doch, so sagen Sie doch etwas!"
Der Raum war zu eng für so viel Freude. Gleich würden die Fensterscheiben klirren, die Tür aufspringen, vor den erstaunten Augen der Krankenschwestern würde Maya ihr Bett verlassen.
Im Zimmer leuchtete ein Stern.
Glücklich bist du, o Israel! So werden deine Feinde vor dir ducken. Und du – auf ihre Höhen wirst du treten.
Dr. Lévy hielt Maya immer noch fest : triumphierend feierte er den Sieg des Lebens über den Tod. Denn das Kühnste am Leben ist, daß es den Tod haßt.
Es war ein religiöser Augenblick. Ein Staunen erfüllte Maya und für eine Weile vergaß sie zu atmen. Es war ein Augenblick der Kommunion und der Bindung an das Sein.
Von nun an, das wußte sie, unumstößlich, von nun an war sie wirklich geheilt, endgültig.
"So sagen Sie doch etwas. Fällt Ihnen nichts ein?
"Wissen Sie, was Kafka an Milena schrieb? 'Du gehörst zu mir, selbst wenn ich Dich nie mehr sehen würde.' Mir fällt nichts anderes ein als eben dies, Dr. Lévy.
Er machte sofort einen Spaß daraus. Was, mich nie mehr sehen? rief er. Ach was, ach was. Sie sind so gescheit und reden solchen Unsinn. Sie sind doch meine Patientin und müssen überwacht werden. Ich kann meine Patientinnen nicht verlieren, nur weil sie glauben, nun seien sie für immer geheilt. Wo kämen wir denn da hin? Geschäft ist Geschäft.
Auch Maya wurde übermütig :
"Warum verkaufen Sie nicht Automobile, Dr. Lévy, oder Schiffe oder Flugzeuge? Sie würden sehr erfolgreich sein.
"Sicher, sicher. Welche Möglichkeiten sehen Sie noch für mich?
"Rennfahrer, Pilot, Dirigent, Regisseur... Teppichhändler..."
"Halt, jetzt ist es aber genug. Sie müssen überwacht werden, Maya, Sie müssen wirklich überwacht werden."
"Von Ihnen?"
"Von wem denn sonst."
"Aber ich bin doch jetzt gesund."
"Ja, und Sie sollen es auch b l e i b e n ."


"Damit ist die Geschichte vorläufig zu Ende, Myriam, obwohl sie natürlich noch keineswegs aus ist."
"Und woher weißt Du denn das alles so genau?" fragte Myriam zärtlich. "Laß nur. Du brauchst mir nicht zu antworten. Schon gut, schon gut." Sie schloß die Augen und schaute in eine andere Welt.
"Siehst Du den Stern, Myriam? Es ist der Stern Deines Vaters. Es ist Dein Stern. Nicht alle haben einen Stern. Nur die Auserwählten, denke daran."
"Es ist unser Stern", sagte Myriam einfach.
"Dafür danke ich Dir sehr, Myriam. Du hast mich verstanden, ich weiß. In Deinem Vater ist nichts Gemeines, nichts Niedriges. Er handelt so, daß man wieder an die Menschheit glaubt. Er ist ein lebendiges Feuer. Frau Steinhals aber gehört zu den toten Seelen, und ihre Worte sind Totgeburten. Begrabe sie, Myriam."


Myriam stand auf.
"Was für eine Reise. Was für eine lange, große Reise."
Wieder dachte ich an Kafka. An einen seiner "Warnbriefe" an Milena : 'Bedenken Sie auch, Milena, wie ich zu Ihnen komme, welche 38jährige Reise hinter mir liegt (und da ich Jude bin, eine noch so viel längere).'
Ich sagte nichts. Wie lang mochte Myriams Reise gewesen sein? Sie durchquerte das Zimmer. An der Tür hielt sie an, wandte sich um. Sie kam mir jetzt viel größer vor. Nein, Myriam war kein Kind mehr.
"Dein Name, Myriam, bedeutet : Königin, Herrscherin, Lichtbringerin. Denke an Deine Botschaft, aber sage sie niemandem."
Myriams Augen leuchteten. Der Glanz des Sterns strahlte in ihnen.
"Heute ist Schabbat", sagte sie, "ich möchte jetzt zur Ruhe gehen."
"Shabbat Shalom, Myriam."
"Shalom alékham."


In der Dämmerung erklang ihre mandelfarbene Stimme :
"Auch Du kannst heilen, Maya."


© Erika Tunner, 1997
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