Muttersprache und Vatersprache : das war das Dilemma, das meine frühen Jahre stets kennzeichnete. Ein sprachliches Dilemma, selbstredend, aber auch ein kulturelles, denn sehr früh mußte ich dieses Phänomen des Dazwischenseins, der doppelten Weltanschauung, wenn auch nicht verstehen, so doch am eigenen Leibe erfahren. Aus dieser Kluft heraus hat sich fast unwillkürlich die Lust, bzw. das Bedürfnis herausgebildet, diesen Abgrund zu überbrücken, also das zu überwinden, was doch eigentlich eine Schizophrenie ist, indem ich es mir zu Eigen machte: ich wollte das fehlende Glied sein, war so überheblich, die Brücke schlagen zu wollen zwischen zwei Ufern und wollte zugleich zurückstehen, indem ich in das Gewand des heiligen Christophorus schlüpfte, nämlich in das des Übersetzers: Übertragung als Ausdruck der inneren Zerrissenheit.
Wer sich jemals mit Übersetzung auseinandergesetzt hat, weiß, daß die Übersetzer das unscheinbare Fußvolk der Literatur sind. Paradoxerweise führt sie diese Lage oft dazu, entweder der Arroganz anheimzufallen, die behauptet, alles sei übersetzbar, oder der Verzweiflung darüber, daß nichts übertragbar sei.
Da der Übersetzer der Berührungspunkt, sozusagen die obligate Brücke zwischen zwei kulturellen Welten ist, ist er auch der Ort aller Konflikte. Seine Aufgabe ist es also zu versuchen, dieses Dilemma, dessen Schauplatz er ist, zu lösen. Und genau da rührt man an das eigentliche Wesen des Übersetzens. Ist es müßig, daran zu erinnern, daß eine jede Sprache nicht auf die Summe ihrer Wörter reduzierbar ist? Im Übersetzen geht es nicht primär darum, lediglich zwei Wörterverzeichnisse gegenüberzustellen, als sei die Realität ein Unikum und jede Sprache nur ein Katalog verschiedener Signifikanten, die für gleiche Signifikate stehen würden – eine höchst empirische Auffassung der Sprachen, in der die Begriffe den Vorrang haben vor den entsprechenden Wörtern, wo doch Humboldt uns seinerzeit schon gelehrt hat, daß eine Sprache vor allem eine unvollständige und subjektive Analyse des Realen, also eine Weltanschauung ist, und daß folglich die wirklichkeitsbezogenen Bestandteile der einen Sprache in der anderen nie unter der gleichen Gestalt aufzufinden sind. Kurz: Die Sprache ist immer eine besondere, manchmal gar einmalige Art, die Wirklichkeit zu zergliedern oder zu beleuchten, die von unserer sprachlichen und kulturellen Umwelt gegeben ist: Wir denken eben immer nur in Kategorien, die von unserer Muttersprache vorbestimmt sind.
Hier wird die Problematik heikler: gibt es eine oder aber mehrere Arten, die Welt zu erleben, und kann man dieses Erlebnis eindeutig definieren? Und wie steht es mit den Wörtern, die eine Sprache gebraucht: sind sie gleichbedeutend mit denen, die eine andere Sprache benutzt, um dieselbe Erscheinung darzustellen und auszudrücken? Wenn ich übersetze, ist die Frage weniger, ob ich alle Wörter, bzw. alle Sinneinheiten übersetze, sondern vielmehr welches Erlebnis ich wiedergebe und ob es mir gelingt, mit welchen sprachlichen Mitteln auch immer, sie in die andere Sprache überzuführen: dazu muß ich beide Bezugssysteme beherrschen und wissen, wo und wie sie sich überschneiden könnten. Einstimmigkeit ist zwar nicht gerade unerreichbar, aber doch selten.
Soll das heißen, daß jede Übersetzung ein Ding der Unmöglichkeit ist? Die Antwort lautet ja, wenn die Analyse sich auf das Hauptziel beschränkt, das man gemeinhin mit der „textgetreuen Wiedergabe" umschreibt, einem Begriff übrigens, der manche Fragen aufwirft. Was versteht man nämlich unter diesem Begriff ? Bezieht er sich auf das Wort? auf den Stil? auf den sogenannten Sinn des Ausgangstextes?
Jedermann weiß, daß es ebenso viele Übersetzungen wie Übersetzer eines Textes gibt – wodurch sich allerdings zumindest das wunderartige Wesen der Septuaginta erklären ließe. Wie könnte man also die qualitative Zielsetzung des Übersetzens festlegen? Beschränken wir das Feld unserer Untersuchung, indem wir es auf folgende Alternative reduzieren: soll der fremde Text als übersetztes Werk empfunden werden oder als Text, der auch als solcher in der Zielsprache hätte geschrieben werden können? In anderen Worten: soll der Übersetzer das Fremde am Text nach Möglichkeit ausmerzen oder soll er sich bemühen, den Text als übersetztes Werk zu kennzeichnen, indem er das Un-heimliche darin zum Vorschein kommen läßt? Wenn man davon ausgeht, daß schon der Inhalt des Werkes (ethnographisch, historisch, u.a.) für den Leser eine starke kulturelle Entfremdung darstellt, kann man annehmen, daß eine eindeutige Markierung des Werkes als sprachlich und kulturell fremdes Material den Versuch vonseiten des Lesers, sich das Fremde anzueignen, noch schwieriger machen würde. Vielleicht sollte man nicht vergessen, daß der Übersetzer in seiner Rolle als Überbrücker nicht nur versuchen müßte, den Leser nicht zu entmutigen, sondern stets dessen Freude am Lesen vor Augen behalten sollte. Das einzige Mittel, diese Quadratur des Kreises zu bewerkstelligen, besteht darin, die Äquivalenz, bzw. die Gleichwertigkeit zu suchen. Schon Cicero hatte das verstanden, als er in Bezug auf seine Übersetzung der „Reden" des Demosthenes meinte: „Ich habe sie nicht einfach als Übersetzer (ut interpres) wiedergegeben, sondern als Schriftsteller (sed ut orator)", und weiter: „Ich dachte nämlich, daß das, was dem Leser wichtig ist, eben nicht darin besteht, ihm die gleiche Summe zu bieten, sondern sozusagen das gleiche Gewicht." Das macht er „indem ich mich so eng wie möglich an die Wörter hielt, aber nur insofern, als sie unserem Geschmack keinen Abbruch taten." Es geht also nicht darum, die schlichten Wörter, sondern deren Geist zu übersetzen.
Bei einer solchen Auffassung der Übersetzung drängt sich unterschwellig der Gedanke auf, daß das Übersetzen keine wissenschaftliche Tätigkeit ist, denn allzu oft kann man sie der Ungenauigkeit bezichtigen. Aber sie ist eine Kunst, da sie, um den Rang des übersetzten Textes zu bewahren, immer wieder zur Neuschöpfung werden muß, und genau das erhebt sie und erlaubt ihr, der Mittelmäßigkeit zu entgehen.
Was wäre heute unsere „Kultur" ohne die Übersetzungen, die genialen wie die unzulänglichen, die sie seit Urzeiten prägen? Einige weltbekannte Autoren, die manchmal diese oder jene Übersetzung ihrer Werke kritisieren, und zwar umso ungehaltener als sie berühmter sind, sollten sich eines Besseren besinnen und erkennen, daß sie ohne eben diese unscheinbaren Handwerker der Sprache in den vergessenen Verliesen der Weltliteratur geblieben wären.
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