Hannelore
von Friedrich Ningelgen


In der Nacht krachte über dem Dorf ein heftiges Gewitter, Hagel schlug sogar gegen mein Dachfenster. Ich schreckte hoch : es war Punkt 3 Uhr. Das Unwetter hatte mich aus einem Traum gerissen, der, wie Träume es so an sich haben, ein wenig unzusammenhängend von alten Erlebnissen erzählte, die aber aufs Kurioseste mit Begebenheiten der Gegenwart verknüpft waren, also Absurdes mit durchaus Vernünftigem verbanden, reale und nachvollziehbare Ereignisse mit völlig abstrusen Vorstellungen verwoben. Und im Traum, wie so oft, sagte ich mir auch nein, das kann ja gar nicht sein, und doch hat mich diese Erkenntnis nicht besonders aufgeregt oder verfremdet. Es ist eben eine doppelbödige Welt, in der die Regeln der Vernunft und der Logik zum Teil aufgehoben sind.

Da kam zum Beispiel meine Tante Hannelore auf, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe und von der ich, wenn mich nicht alles täuscht, eigentlich noch nie geträumt habe. Wir saßen in einem Park, und sie redete auf mich ein, schien aufgebracht zu sein, aber ich wußte nicht warum. Ich habe versucht, sie zu besänftigen, jedoch erfolglos. Leute, Unbekannte, gingen scheinbar teilnahmslos an uns vorbei. Ein Kollege war auch da und... die alte Frau Münch, unsere frühere Nachbarin, die ja längst gestorben ist. Alles also sehr wirr.

Mit Hannelore hat es eine besondere Bewandtnis : sie ist die fast 10 Jahre jüngere Halbschwester meiner Mutter, beide sind aber nicht zusammen aufgewachsen : nachdem mein Großvater Anfang der 30er Jahre irgendwo zwischen Chicago und Milwaukee verschollen war (entweder weil er in irgendeiner Weise umgekommen war oder weil er beschlossen hatte, ein neues Leben, vielleicht sogar mit einer neuen Identität, zu beginnen), hat sich meine Großmutter 1935 scheiden lassen und hat wieder geheiratet. Mit ihrem 2. Mann, der selber schon 3 Kinder hatte, bekam sie dann Hannelore. Meine Mutter indes hat sie in Friesenheim bei Ellmingers untergebracht und sich kaum mehr um sie gekümmert. Hannelore wuchs also mit ihren 3 anderen Halbgeschwistern auf.

Ich habe sie kaum gekannt, war noch viel zu klein, als sie eines Tages emigrierte. Nach dem, was man mir so von ihr erzählt hat, war sie ein lustiges, lebensfreudiges Mädchen. Hübsch war sie auch, das sieht man auf den Fotos aus dieser Zeit.

Als meine Mutter an TB erkrankte und anderthalb Jahre im Sanatorium verbringen mußte, wurde ich eine Zeitlang hin und hergeschubst, zwischen Friesenheim und Oppau, weil mein Vater sich alleine unmöglich um seine beiden Söhne kümmern konnte (Bernd war elf, ich kaum 3). Da gab es also auch Zeiten, die ich bei meiner Großmutter und Hannelore verbrachte. Ich erinnere mich nur dunkel, daß sie ständig Schlager hörte und mitsang, so daß ich einige dieser Schlager auswendig konnte und heute noch einen oder zwei zum Teil mitsingen könnte. Sie war ein leichtes Wesen, wahrscheinlich nicht sehr beständig, wahrscheinlich ein wenig oberflächlich. Sie konnte sich von heute auf morgen für etwas begeistern und sich ebenso schnell wieder abwenden, aber es war eben noch ein sehr junges Mädchen, das nach den ersten, beschwerlichen Nachkriegsjahren etwas vom Leben haben wollte und sich eigentlich nur nach ihrer Lust und ihrem Wohlergehen richtete. Ich glaube, sie war ganz nett zu mir, was man von meiner Großmutter schwerlich behaupten könnte, der dieses kleine Enkelkind im Grunde nur lästig war.

Damals lernte Hannelore einen Ami kennen, und mit dem ist sie dann auch bald nach Amerika ausgewandert - ich glaube, das war 1955 oder Anfang 1956. Bald darauf folgte ihr nach dem Tod ihres 2. Ehemannes meine von Schulden geplagte und von Gläubigern bedrängte Großmutter : in Bremen schiffte sie sich ein, beinahe hätte ich hinzugefügt " und ward nie wieder gesehen ", was nicht ganz stimmt, da sie uns 1963 einen 3-monatigen Besuch abstattete, der zu einer meiner ersten und zerstörenden Ernüchterungen auf dem Gebiet der menschlichen Beziehungen wurde. Der Zehnjährige hatte sich so auf seine Großmutter gefreut, war aber erleichtert, als sie sich schließlich in Bremen wieder einschiffte.

Die Ehe mit dem Ami lief sehr bald schief - er trank und schlug sie, meldete Hannelore in Briefen. Sie ließ sich scheiden und heiratete nicht allzu lange darauf einen gewissen Bill, von dem die Oma meinte, es sei ein gutmütiger boy, irischer Abstammung.

Anscheinend war also alles wieder in Ordnung. Die Oma lernte Englisch, gab sich mit ihrem schwarzen Kater Mississipi ab und spielte abends mit ihrer gleichaltrigen Nachbarin Mildred und deren alten Freundin Karten. Ab und zu kam ein Brief, manchmal auch ein Päckchen, vornehmlich in der Adventszeit, mit irgendwelchen, oft billigen Geschenken für die lieben Verwandten im alten Europa - ich kann mich noch genau an eine ganze Reihe Schmuckstücke erinnern (Broschen aus künstlichen Edelsteinen, Ringe mit falschen Perlen, wie man sie im Kaufhof erstehen kann). Sonst schien kein größeres Interesse von der anderen Seite des Atlantiks herüberzuschwappen, und im Grunde hatten wir uns, nach der Episode des großmütterlichen Besuchs, damit abgefunden.

Bis sich eines Tages herausstellte, daß die Oma Krebs hatte. Ein paar Monate darauf starb sie, kurz vor Weihnachten. Meine Mutter wäre beinahe zu ihrer Beerdigung geflogen, hat es aber dann doch sein lassen : sie hatte keinen gültigen Paß, auch das Geld für ein Flugticket fehlte wohl damals, und außerdem war das Verhältnis zu ihrer Mutter ja nicht so von Liebe geprägt. Nach einigem Hin und Her - es war eben doch ihre Mutter -, beschloß sie nicht zu fliegen.

Hannelore war von diesem Tod natürlich sehr geschlagen. Ich könnte mir vorstellen, daß ihre Mutter für sie doch mehr oder weniger die Verbindung zur fernen Heimat darstellte, die Wurzeln sozusagen, auch wenn sie sich sehr gut in New Haven eingelebt hatte. Hinzu kam, daß sie, schon 33 Jahre alt, immer noch kein Kind hatte, was sie aufs äußerste vergrämte. Aber alle Verzweiflung und aller Zorn half nichts. Ihr Ehemann Bill, der, wie sich später herausstellte, ein geduldiger und lieber Mensch war, mußte wohl so einiges über sich ergehen lassen. Aus dem lustigen Mädchen von früher wurde langsam eine kapriziöse, ichbezogene und tyrannische Frau, die sich, weil sie sich selber nicht zu helfen wußte, wahrscheinlich an ihrer Umwelt rächte, und ihre Umwelt hieß damals, nach dem Tod ihrer Mutter, einzig und allein Bill. Aber der hatte doch ein eher dickes Fell und ließ es sich gefallen, ohne daß es ihm besonders an die Nieren ging. Ein Glück für Hannelore, denn ein anderer hätte vielleicht gröber reagiert.

Kaum 3 Jahre später verunglückten meine Eltern, in einer heißen Augustnacht, kurz vor Speyer, meiner Geburtsstadt. Mein Vater, nur leicht verletzt, überlebte den Unfall, meine Mutter starb an inneren Blutungen nach drei Tagen Koma.

Ich war inzwischen gerade 18 geworden, hatte im Juni Abitur gemacht, und nachdem ich mir ein bißchen Geld in einem Supermarkt in Baden-Baden zusammengejobt hatte, war ich mit meiner ersten Freundin in Urlaub gefahren, zum ersten Mal ohne die Eltern. Mein Vater wußte zwar ungefähr, wo ich mich befand, konnte sich aber nicht genau erinnern. Fünf Tage lang wurde ich gesucht, bis die Gendarmen mich schließlich aufstöberten. Ich erinnere mich heute noch an diesen Tag, in allen Einzelheiten : die Nachricht, daß meine Eltern verunglückt waren, daß meine Mutter "schwer verletzt" sei (dabei war sie schon tot), die überstürzte Fahrt durch ganz Frankreich. Wir waren um 9 Uhr abends losgefahren, wie im Wachtraum. Schon nach zwei Stunden Fahrt mußten wir Halt machen, irgendwo in einem Provinznest, wo wir in einer schmuddeligen Pension übernachteten. Traumloser Schlaf, als hätte ich irgendwelche Pillen geschluckt. Meine Mutter war in dem Moment schon eine unwirkliche Erinnerung geworden, nur daß ich mir dessen noch nicht ganz bewußt war. Am nächsten Moregn fuhren wir wieder los. Ich erinnere mich an kein gesprochenes Wort, nur an einen endlosen und stummen Film, in dem ich eigentlich kein Protagonist, sondern nur Zuschauer war. In Fontainebleau gab es wiederum eine Pause: im Schloßpark fütterte ich die Schwäne, als sei ich ein anderer und als seien auch die Schwäne nur scheinbar vorhanden. Ein Foto zeigt mich am Rande des Beckens als (schon) schwarze Gestalt, die sich leicht nach vorn beugt. Als sei im Grunde nichts weiter los.
Wir kamen gegen Mitternacht erschöpft in Baden-Baden an : Mein Bruder am Telefon, der mir die Wahrheit sagte. Meine hysterische Reaktion darauf. Alles andere erübrigt sich.

Die Wochen und Monate, die darauf folgten, waren eine äußerst schwere Zeit. Mit meinem Vater kam ich nicht gut aus : er litt sehr unter dem Tod seiner Frau, verlor zeitweise jede Beherrschung und machte mich oft zu seinem Sündenbock. Damals konnte und wollte ich mich nicht verteidigen. Ich weiß nur, daß ich stark darunter litt, manchmal sogar hatte ich Angst, denn mein Vater konnte, wenn er sich nicht zusammennahm, sehr jähzornig und brutal werden.

In dieser Zeit der inneren Trostlosigkeit erinnerte ich mich plötzlich an Hannelore : sie war doch meine Tante, war das Blut meiner Mutter. Da entstand nach und nach der Gedanke, ich könnte sie doch besuchen. Und so kam es auch. Ende August 1972, in den Semesterferien also, fuhr ich nach Paris (schon das ein Erlebnis!) und flog nach New York.

Eine rote Nelke trug ich im Knopfloch, damit sie mich erkennen könnte. Als ich endlich den peinlich genauen Zoll hinter mir hatte, stand ich also da, in einer riesigen Halle, umwimmelt von einer Menschenmenge, in der ich kein vertrautes Gesicht ausmachen konnte. Plötzlich klopft mir jemand auf die Schulter - es war eine Art Teddybär mit breitem, wenn auch unsicherem Lächeln - und fragte mich, ob ich der Fritz sei. Und da sah ich auch sofort ein bißchen weiter eine Gestalt, die eine Treppe regelrecht herunterflog, ihre Füße schienen die Stufen nicht zu berühren, und ich fragte mich noch blitzartig, wie sie es überhaupt schaffte, nicht zu stürzen : das war sie, Hannelore wie sie im Buche stand. Überschwenglicher Empfang, Tränen, Lachen.

Was hatte sie nicht alles vor mit mir ! Nach New-York sollten wir fahren, und auch zu den Niagara-Falls, und was weiß ich noch alles. Ich wurde selbstverständlich der gesamten Nachbarschaft vorgestellt - sie war so stolz auf den Neffen aus Europa, der sogar (damals!) gar nicht so schlecht Englisch sprach : ich hatte Englisch als 2. Fremdsprache am Gymnasium gelernt und hatte auf der Uni 2 Semester lang weitergemacht. Ich war also gewappnet!

So ging das ungefähr zehn Tage lang, bis sich, über Nacht sozusagen, Hannelores Verhalten mir gegenüber radikal änderte. Ich merkte zwar die Veränderung, konnte sie mir aber nicht erklären. Es war mir ein Rätsel. Selbst Bill, der gutmütige Ire, wurde einsilbiger. New York habe ich in einer " one-day-tour " erlebt, alles schnell, schnell, und Hannelore meinte noch, kurz bevor wir losfuhren : " Ich war seit 10 Jahren nicht mehr in NY und werde wohl auch in den nächsten 10 Jahren nicht mehr hinfahren. Jedesmal wenn ich in diese Stadt gehe, habe ich zwei Tage lang Kopfweh. "

Ich konnte nur staunen. Wollte aber auf New York nicht verzichten, wenn ich schon einmal da war! Ich dachte mir, daß Hannelore wieder einmal eine ihrer Stimmungswankungen hatte, für die sie in der Verwandschaft berühmt war, und daß sich das auch wieder legen würde. Das tat es nicht. Nach 2 oder 3 Tagen, beim Frühstück, fragte ich dann auch leise und doch ein wenig verunsichert, ob denn irgendwas wäre. Das hat sich Hannelore nicht entgehen lassen und sie warf mir in einem Atemzug alles Mögliche vor. Sprachlos hörte ich mir diesen Wörterschwall an. In mir war einiges los, das ich zwar nicht zu Wort bringen konnte, das mich aber aufrührte. Als sie endlich schwieg, nachdem sie mich gefragt hatte, was ich nun vorhätte, stand ich auf, wahrscheinlich bleich und zitternd, und erklärte so gleichmütig, wie es nur ging, ich wollte den ersten Flug nach Paris nehmen. Ich fragte, ob ich telefonieren könnte und rief Air France an. Am selben Abend flog ich zurück. Bill fuhr mich am späten Nachmittag zum Kennedy-Airport. Es wurde eine seltsame Fahrt. Bill selber war die ganze Sache peinlich, aber er meinte : "Du gehst jetzt nach Hause, ich jedoch bleibe hier und muß weiter mit ihr leben..." Wenn ich an die zornigen, bösen Blicke dachte, die sie mir am Morgen beim Frühstück zugeworfen hatte, und an die Art, wie sie sich stur stellen konnte und einem einen ganzen Tag vermasseln konnte, weil sie kein Wort mehr sprach, leuchtete mir das ein.

Eigentlich sollte ich 4 Wochen dort verbringen, nach knapp zehn Tagen saß ich wieder in der Maschine nach Paris. Wohl hatte ich im letzten Augenblick erwogen, auf eigene Faust in New York zu bleiben, habe mich aber nicht getraut. Diese mythische Großstadt war mir nicht ganz geheuer, und ich kannte dort niemanden. Einen Schrecken hätte es der Hannelore zwar eingejagt (ich war damals nämlich noch minderjährig), und das wäre eine kleine Genugtuung gewesen für die schlechte Behandlung, die ich hatte erfahren müssen. Aber schließlich habe ich mich doch für den Rückflug entschieden.

Lange ließ sie nichts mehr von sich hören. Ein paar Jahre später erfuhr ich, daß sie einen kleinen Sohn zur Welt gebracht hatte. Gleichzeitig erfuhr ich, daß sie Bill wenige Wochen nach der Geburt verlassen hatte. Sie schien ihre Lebenslust einzig und allein auf ihr Kind zu beschränken, als habe alles andere und gar ihr eigenes Leben in ihren Augen nicht mehr den geringsten Wert.

© Friedrich Ningelgen, 1999.



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